Vielleicht kennst du das: Du wachst morgens auf und dein ganzer Körper schmerzt. Nicht an einer bestimmten Stelle – überall. Mal brennt es im Nacken, dann ziehen die Schmerzen in die Schultern, manchmal fühlt sich jeder Muskel an, als wärst du gestern einen Marathon gelaufen. Obwohl du nur geschlafen hast. Oder besser gesagt: versucht hast zu schlafen.
Denn selbst wenn du stundenlang im Bett liegst, bist du am nächsten Tag wie gerädert. Diese Erschöpfung – sie ist anders als normale Müdigkeit. Sie sitzt tief. Sie lässt sich nicht wegschlafen. Nicht wegkämpfen. Sie ist einfach da.
Und dann kommt noch der Rest dazu: Dein Kopf fühlt sich an wie in Nebel gehüllt. Du vergisst Dinge. Gesprächen zu folgen, strengt dich an. Die einfachsten Aufgaben fühlen sich plötzlich riesig an.
Und das Schlimmste? Du gehst zum Arzt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Blutabnahme – alles unauffällig. MRT – kein Befund. Röntgen – nichts zu sehen. „Sie sind kerngesund“, sagt der Arzt. Aber du WEISST, dass etwas nicht stimmt. Du SPÜRST es doch jeden Tag. Die Schmerzen sind real. Die Erschöpfung ist real. Dein Leiden ist real.
Vielleicht hast du irgendwann angefangen, an dir selbst zu zweifeln. Vielleicht denkst du: „Bilde ich mir das alles ein?“ Vielleicht hast du aufgehört, darüber zu sprechen, weil du merkst, dass die Menschen um dich herum nicht verstehen – nicht verstehen können – wie es sich anfühlt.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, möchte ich dir zuerst eines sagen: Du bist nicht verrückt. Du bildest dir nichts ein. Und du bist nicht allein.
Es gibt eine Erklärung für das, was du erlebst. Sie heißt Fibromyalgie. Und auch wenn der Weg hierhin lang und frustrierend war – es gibt Hoffnung. Es gibt Behandlungsmöglichkeiten, die wirklich helfen können.
Ich bin Ida, Physiotherapeutin mit Spezialisierung in psychosomatischer Physiotherapie. Seit über 12 Jahren begleite ich Frauen wie dich – Frauen, die chronische Schmerzen haben, die nicht erklärbar sind. Frauen, denen niemand glaubt. Frauen, die erschöpft sind vom Kämpfen.
Fibromyalgie ist eine der häufigsten Diagnosen in meiner Praxis. Und ich verspreche dir: Es gibt Wege, die helfen. Wege, die ich dir in diesem Artikel zeigen möchte.
Lass uns gemeinsam schauen, was Fibromyalgie ist, wie sie diagnostiziert wird – und vor allem: was du dagegen tun kannst.
Was ist Fibromyalgie?
Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom, bei dem Betroffene unter weit verbreiteten Schmerzen im Körper leiden – oft begleitet von Müdigkeit, Schlafstörungen und kognitiven Problemen. Der Name kommt aus dem Lateinischen: „fibro“ (Bindegewebe), „my“ (Muskel) und „algie“ (Schmerz). Früher wurde die Erkrankung auch als Fibromyalgie-Syndrom (FMS) oder Weichteilrheuma bezeichnet.
Das Besondere an Fibromyalgie: Die Schmerzen entstehen nicht durch eine Schädigung oder Entzündung im Gewebe. Alle Untersuchungen – Blutwerte, Bildgebung, körperliche Tests – sind in der Regel unauffällig. Trotzdem sind die Schmerzen absolut real und belasten das Leben erheblich.
Die moderne Schmerzforschung zeigt: Bei Fibromyalgie liegt eine veränderte Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem vor. Das Gehirn und Rückenmark verarbeiten Schmerzreize anders als bei gesunden Menschen – sie sind sozusagen „empfindlicher eingestellt“ (Häuser et al., 2019). Medizinisch spricht man von einer zentralen Sensibilisierung.
Wie häufig ist Fibromyalgie?
Etwa 2–3 % der Bevölkerung in Deutschland sind von Fibromyalgie betroffen – das entspricht ungefähr 1,6 bis 2,4 Millionen Menschen (Häuser et al., 2019). Frauen erkranken etwa achtmal häufiger als Männer. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, am häufigsten wird sie aber zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr diagnostiziert.
Es ist wichtig zu verstehen: Fibromyalgie ist keine Einbildung, keine psychische Störung und auch keine „Mode-Diagnose“. Es ist ein anerkanntes Krankheitsbild mit klaren diagnostischen Kriterien, das das Leben der Betroffenen massiv beeinträchtigen kann.
Fibromyalgie Symptome: Mehr als nur Schmerzen
Wenn ich Patientinnen mit Fibromyalgie frage, wie es ihnen geht, höre ich oft: „Es ist so schwer zu beschreiben.“ Denn Fibromyalgie ist mehr als nur Schmerz. Es ist ein ganzes Bündel von Symptomen, die dein Leben auf den Kopf stellen können.
Vielleicht erkennst du dich in einigen oder sogar vielen dieser Beschreibungen wieder. Das ist okay. Jede Fibromyalgie ist anders – kein Mensch hat genau dieselbe Symptomkonstellation. Aber es gibt typische Beschwerden, die sehr häufig auftreten.
Chronische Schmerzen im ganzen Körper
Das Hauptsymptom – und wahrscheinlich das, was dich am meisten belastet – sind die Schmerzen. Sie bestehen seit mindestens drei Monaten und betreffen mehrere Körperregionen.
Vielleicht beschreibst du es so: „Es tut einfach überall weh.“ Oder: „Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wo es am schlimmsten ist – es wandert.“
Typisch sind:
Schmerzen in Nacken, Schultern und oberem Rücken. Viele meiner Patientinnen beschreiben ein ständiges Druckgefühl oder Brennen in diesen Bereichen. Die Muskeln fühlen sich verhärtet an, als wären sie permanent angespannt. Vielleicht kannst auch du deinen Nacken kaum noch entspannen, egal was du versuchst.
Schmerzen im unteren Rücken und in den Hüften, oft verbunden mit Steifigkeit – besonders morgens nach dem Aufstehen. Du musst dich erst „warm laufen“, bevor du überhaupt richtig gehen kannst. Manchmal strahlen die Schmerzen in die Beine aus.
Schmerzhafte Druckpunkte an bestimmten Stellen deines Körpers. Wenn jemand dich dort berührt – oder manchmal schon, wenn du dich nur anlehnst – tut es richtig weh. Diese Punkte befinden sich oft am Übergang vom Nacken zur Schulter, an den Ellenbogen, Knien oder am unteren Rücken.
Die Schmerzen können wandern – heute sind sie in der Schulter besonders stark, morgen in den Beinen. Sie können sich unterschiedlich anfühlen: dumpf, brennend, stechend, ziehend. Viele meiner Patientinnen sagen: „Es fühlt sich an wie Muskelkater ohne Grund“ oder „als ob ich von einem Auto überfahren wurde.“
Und das Verwirrende: Die Intensität wechselt. An manchen Tagen ist es erträglich. An anderen Tagen kannst du kaum aufstehen. Ohne dass du weißt, warum.
Erschöpfung und Fatigue
Fast alle meine Patientinnen mit Fibromyalgie sagen mir beim ersten Gespräch: „Die Erschöpfung ist fast noch schlimmer als die Schmerzen.“
Und ich verstehe das. Denn das ist nicht die normale Müdigkeit nach einem anstrengenden Tag. Das ist eine tiefe, durchdringende Erschöpfung, die einfach nicht verschwindet.
Vielleicht kennst du das: Du schläfst zehn Stunden – und fühlst dich beim Aufwachen trotzdem wie gerädert, als hättest du die ganze Nacht durchgearbeitet. Schon kleine Tätigkeiten wie Einkaufen oder Hausarbeit erschöpfen dich völlig. Die Energie reicht oft nur für die notwendigsten Dinge.
Alles andere fällt weg. Die Hobbys, die dir früher Freude gemacht haben. Die Treffen mit Freunden. Der Spaziergang, den du früher so geliebt hast. Du würdest ja gerne – aber du kannst einfach nicht mehr.
Und dann kommen vielleicht noch die Schuldgefühle dazu. „Ich müsste doch…“ „Die anderen schaffen das auch…“ „Warum bin ich so schwach?“
Lass mich dir eines sagen: Du bist nicht schwach. Diese Erschöpfung – in der Fachsprache „Fatigue“ genannt – ist ein reales, körperliches Symptom der Fibromyalgie. Es liegt nicht an mangelnder Willensstärke. Es liegt nicht daran, dass du dich nicht genug anstrengst. Es ist Teil der Erkrankung.
Diese chronische Erschöpfung schränkt oft die Lebensqualität noch mehr ein als die Schmerzen selbst. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass sie in der Behandlung ernst genommen wird.
Schlafstörungen
Das ist vielleicht eine der grausamsten Ironien bei Fibromyalgie: Du bist so erschöpft, dass du kaum noch stehen kannst – aber schlafen? Das funktioniert nicht.
Kennst du das? Du liegst im Bett, todmüde, und starrst an die Decke. Eine Stunde. Zwei Stunden. Der Partner neben dir schläft friedlich, und du denkst: „Was ist nur mit mir los? Warum kann ich nicht einfach schlafen?“
Oder du schläfst ein – endlich – aber wachst alle paar Stunden wieder auf. Mal sind es die Schmerzen. Mal kannst du keine bequeme Position finden. Mal wachst du einfach auf, ohne zu wissen warum.
Und morgens? Fühlst du dich, als hättest du gar nicht geschlafen. Dein Partner sagt vielleicht: „Aber du hast doch acht Stunden geschlafen!“ Ja, aber es war kein erholsamer Schlaf. Es war ein leichter, oberflächlicher Schlaf, der deinem Körper nicht die Erholung gibt, die er braucht.
Studien zeigen, dass bei Fibromyalgie die Tiefschlafphasen gestört sind – genau die Phasen, in denen sich der Körper eigentlich erholen sollte (Moldofsky, 2009). Das erklärt, warum du trotz vieler Stunden im Bett nicht erholt bist.
Und das Frustrierende: Je weniger du schläfst, desto stärker werden die Schmerzen. Je stärker die Schmerzen, desto schlechter schläfst du. Ein Teufelskreis, aus dem es schwer ist, alleine herauszukommen.
Kognitive Symptome: „Brain Fog“
Viele Betroffene berichten von Konzentrations- und Gedächtnisproblemen. Du vergisst Dinge, die du dir gerade vorgenommen hast. Gesprächen zu folgen, fällt schwer. Dir fällt das richtige Wort nicht ein. Dein Kopf fühlt sich an wie in Nebel gehüllt – im Englischen nennt man das treffend „Brain Fog“ oder „Fibro Fog“.
Diese kognitiven Beeinträchtigungen sind kein Zeichen von Demenz oder einer schweren neurologischen Erkrankung. Sie hängen direkt mit der Fibromyalgie zusammen und werden wahrscheinlich durch die gestörte Schmerzverarbeitung und die Schlafprobleme verursacht (Glass et al., 2011).
Weitere häufige Symptome
Neben den Hauptsymptomen gibt es eine Reihe weiterer Beschwerden, die bei Fibromyalgie häufig auftreten:
Morgensteifigkeit – nach dem Aufwachen fühlen sich die Gelenke und Muskeln steif an, als müsstest du erst „warm werden“. Diese Steifigkeit kann eine halbe bis mehrere Stunden anhalten.
Kopfschmerzen oder Migräne treten bei etwa der Hälfte aller Betroffenen auf. Oft handelt es sich um Spannungskopfschmerzen, die vom verspannten Nacken ausgehen.
Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung. Viele Menschen mit Fibromyalgie erfüllen auch die Kriterien eines Reizdarmsyndroms.
Überempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen: Laute Geräusche, grelles Licht, bestimmte Gerüche oder auch Berührungen werden als unangenehm oder schmerzhaft empfunden.
Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Händen und Füßen, ohne dass neurologische Ursachen nachweisbar sind.
Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit oder depressive Verstimmungen. Das ist verständlich – chronische Schmerzen und die ständige Erschöpfung belasten die Psyche. Wichtig: Die psychischen Symptome sind meist eine Folge der Fibromyalgie, nicht die Ursache.
Besonderheiten bei Frauen
Frauen sind deutlich häufiger von Fibromyalgie betroffen als Männer – etwa 80–90 % aller Erkrankten sind weiblich. Die Symptome können bei Frauen intensiver ausgeprägt sein. Zudem berichten viele Frauen, dass sich die Beschwerden im Verlauf des Menstruationszyklus verändern oder in den Wechseljahren zunehmen.
Was sind die Ursachen von Fibromyalgie?
Die genauen Ursachen von Fibromyalgie sind bis heute nicht vollständig geklärt. Die Forschung geht davon aus, dass verschiedene Faktoren zusammenspielen – eine einzelne Ursache gibt es nicht. Aber: Die Wissenschaft macht gerade große Fortschritte. Besonders spannend sind neue Erkenntnisse aus dem Jahr 2025, die erstmals zeigen, dass Fibromyalgie bei vielen Betroffenen eine messbare, körperliche Grundlage hat.
Zentrale Sensibilisierung: Das Nervensystem auf „Hochtouren“
Der wichtigste Mechanismus bei Fibromyalgie ist die sogenannte zentrale Sensibilisierung. Das bedeutet: Das zentrale Nervensystem – also Gehirn und Rückenmark – verarbeitet Schmerzreize anders als bei gesunden Menschen.
Stell dir das Nervensystem wie einen Lautstärkeregler vor. Bei Fibromyalgie ist dieser Regler dauerhaft zu weit aufgedreht. Reize, die normalerweise nicht schmerzhaft wären – wie eine leichte Berührung oder eine kleine Muskelverspannung – werden als starker Schmerz wahrgenommen. Das Schmerzsystem ist überempfindlich geworden (Clauw, 2014).
Diese veränderte Schmerzverarbeitung ist kein Zeichen von Schwäche oder Einbildung. Sie ist messbar: Studien zeigen, dass bestimmte Hirnregionen bei Menschen mit Fibromyalgie stärker auf Schmerzreize reagieren als bei Gesunden. Auch Botenstoffe im Nervensystem sind verändert – etwa eine erhöhte Konzentration von Substanz P, einem Schmerzbotenstoff (Russell et al., 1994).
Bahnbrechende Entdeckung 2025: Autoantikörper nachgewiesen
Lange Zeit galt Fibromyalgie als reine „zentrale“ Erkrankung – also ein Problem der Schmerzverarbeitung im Gehirn. Aber neue Forschung aus dem Jahr 2025 zeigt: Bei vielen Betroffenen spielt auch das Immunsystem eine Rolle.
Wissenschaftler der Universität Würzburg haben herausgefunden, dass über 35 Prozent der Menschen mit Fibromyalgie Autoantikörper im Blut haben – also Antikörper, die sich gegen den eigenen Körper richten (Seefried et al., 2025). Diese Autoantikörper greifen speziell das periphere Nervensystem an, also die Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark.
Was bedeutet das konkret?
Die Forscher entdeckten, dass diese Autoantikörper zwei verschiedene Strukturen im Nervensystem angreifen – und das erklärt unterschiedliche Schmerztypen:
Bei manchen Betroffenen greifen die Antikörper die Satellitenzellen an – das sind Zellen, die die Nervenzellen umgeben. Diese Patienten haben besonders starke allgemeine Schmerzen.
Bei anderen Betroffenen greifen die Antikörper Nervenzellen mit dem TRPV1-Rezeptor an (das ist der Rezeptor, der auch auf Chili-Schärfe reagiert). Diese Patienten berichten besonders häufig von brennenden Schmerzen.
Warum ist das so wichtig?
Diese Entdeckung ist ein Meilenstein. Sie zeigt: Fibromyalgie ist bei vielen Menschen keine „eingebildete“ Erkrankung, sondern hat eine messbare, körperliche Grundlage. Deine Schmerzen sind real – und jetzt können Forscher sie auch im Labor nachweisen.
Außerdem eröffnet diese Erkenntnis neue Behandlungsmöglichkeiten. Wenn das Immunsystem beteiligt ist, könnte man in Zukunft gezielt an dieser Stelle ansetzen. Erste Versuche mit objektiven Tests laufen bereits – etwa der Anti-Polymer-Antikörper-Test, der bei der Hälfte bis zwei Drittel der FMS-Patienten anschlägt.
Mögliche Auslöser
Was bringt das Schmerzverarbeitungssystem aus dem Gleichgewicht? Verschiedene Auslöser werden diskutiert:
Chronischer Stress und psychische Belastungen: Lang anhaltender Stress kann das Nervensystem sensibilisieren. Viele Betroffene berichten, dass die Fibromyalgie nach einer besonders belastenden Lebensphase begonnen hat – etwa nach einem Trauerfall, einer Trennung, anhaltenden Konflikten am Arbeitsplatz oder in der Familie.
Körperliche Traumata: Auch körperliche Verletzungen wie Unfälle, Operationen oder Infektionen können ein Auslöser sein. Das Nervensystem „lernt“ durch ein solches Ereignis, Schmerzsignale verstärkt zu senden – und verlernt es danach nicht mehr.
Genetische Veranlagung: Fibromyalgie tritt in manchen Familien gehäuft auf. Das deutet darauf hin, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Du „erbst“ nicht die Krankheit selbst, aber möglicherweise eine erhöhte Anfälligkeit dafür.
Infektionen: Einige Studien zeigen, dass bestimmte Virusinfektionen – wie Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber) oder auch bakterielle Infektionen – Fibromyalgie auslösen können (Üceyler & Sommer, 2008).
Oft ist es ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Eine genetische Veranlagung, dann ein körperliches oder seelisches Trauma als Auslöser, und chronischer Stress, der das System nicht mehr zur Ruhe kommen lässt.
Was Fibromyalgie NICHT ist – und warum das so wichtig ist
Vielleicht hast du es schon gehört. Von Ärzten, von Freunden, von Familie. Diese Sätze, die sich wie Messerstiche anfühlen:
„Das ist doch psychisch.“
„Du bildest dir das ein.“
„Das ist nur Stress.“
„Reiß dich zusammen.“
„Andere haben auch Schmerzen und jammern nicht so.“
Lass mich dir etwas sagen: Diese Aussagen sind falsch. Und sie sind verletzend.
Fibromyalgie ist keine Einbildung. Die Schmerzen sind real. Sie entstehen durch veränderte Prozesse im Nervensystem – messbar, nachweisbar, wissenschaftlich belegt. Du bildest dir nichts ein. Punkt.
Fibromyalgie ist keine rein psychische Erkrankung. Ja, Psyche und Körper hängen zusammen. Ja, Stress kann Symptome verschlimmern. Aber Fibromyalgie ist keine Depression und keine Angststörung. Es ist ein chronisches Schmerzsyndrom mit körperlicher Grundlage. Psychische Symptome wie Niedergeschlagenheit oder Angst sind oft eine Folge der jahrelangen Belastung – nicht die Ursache.
Fibromyalgie ist keine entzündliche Erkrankung. Im Gegensatz zu rheumatischen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis gibt es bei Fibromyalgie keine Entzündungen in den Gelenken oder Muskeln. Deshalb schlagen auch entzündungshemmende Medikamente oft nicht an. Das heißt aber nicht, dass deine Schmerzen „nicht echt“ sind – sie haben nur eine andere Ursache.
Fibromyalgie ist keine fortschreitende Erkrankung. Sie führt nicht zu Gelenkschäden, Organschäden oder anderen strukturellen Veränderungen. Die Lebenserwartung ist nicht verkürzt. Das bedeutet: Auch wenn es sich manchmal so anfühlt – dein Körper wird nicht „kaputt gehen“.
Wenn dir jemand sagt, deine Schmerzen seien nicht real – dann liegt diese Person falsch, nicht du.
Wie wird Fibromyalgie diagnostiziert?
Vielleicht hast du es schon hinter dir: Die Odyssee von Arzt zu Arzt. Die unzähligen Blutabnahmen. Die MRTs, Röntgenbilder, Ultraschalluntersuchungen. Und am Ende immer das gleiche: „Alles unauffällig.“ „Wir finden nichts.“ „Ihre Werte sind in Ordnung.“
Und während der Arzt erleichtert lächelt, denkst du: „Aber ich BIN nicht in Ordnung. Warum sieht das niemand?“
Der Weg zur Diagnose Fibromyalgie ist oft lang und frustrierend. Im Durchschnitt vergehen mehrere Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Jahre, in denen du vielleicht gedacht hast: „Bilde ich mir das alles ein?“ Jahre, in denen du vielleicht aufgehört hast, über deine Beschwerden zu sprechen, weil niemand eine Erklärung hatte.
Lass mich dir erklären, warum das so ist – und warum es nicht an dir liegt.
Warum ist die Diagnose so schwierig?
Das größte Problem: Es gibt keinen spezifischen Test für Fibromyalgie. Kein Bluttest, kein MRT, kein Röntgenbild kann die Erkrankung nachweisen. Die Diagnose wird gestellt, wenn bestimmte Symptome über einen längeren Zeitraum bestehen und andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden.
Fibromyalgie ist also eine sogenannte Ausschlussdiagnose oder besser: eine klinische Diagnose, die auf den Symptomen basiert.
Die aktuellen Diagnosekriterien
Seit 2016 gelten die überarbeiteten Kriterien des American College of Rheumatology (ACR). Für die Diagnose Fibromyalgie müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:
1. Weit verbreitete Schmerzen seit mindestens drei Monaten
Die Schmerzen müssen in mehreren Körperregionen vorhanden sein – typischerweise auf beiden Körperseiten, oberhalb und unterhalb der Taille.
2. Begleitende Symptome
Neben den Schmerzen müssen weitere typische Symptome vorliegen: Müdigkeit, Schlafstörungen, kognitive Probleme (Brain Fog) oder andere Körpersymptome.
3. Ausschluss anderer Erkrankungen
Andere Erkrankungen, die die Symptome erklären könnten, müssen ausgeschlossen werden – etwa rheumatoide Arthritis, Schilddrüsenerkrankungen oder Vitamin-D-Mangel.
Zur Diagnosestellung verwenden Ärzte oft zwei Skalen:
Widespread Pain Index (WPI): Hier wird erfasst, in wie vielen von 19 definierten Körperregionen Schmerzen in der letzten Woche vorhanden waren. Die Punktzahl reicht von 0 bis 19.
Symptom Severity Scale (SSS): Diese Skala erfasst die Schwere von Müdigkeit, Schlafproblemen, kognitiven Symptomen und anderen körperlichen Beschwerden. Die Punktzahl reicht von 0 bis 12.
Für die Diagnose Fibromyalgie muss der WPI mindestens 7 Punkte betragen und die SSS mindestens 5 Punkte – oder der WPI liegt zwischen 4 und 6 Punkten, dafür muss die SSS mindestens 9 Punkte erreichen (Wolfe et al., 2016).
Welcher Arzt stellt die Diagnose?
Die Diagnose Fibromyalgie wird in der Regel von einem Rheumatologen oder einem Schmerztherapeuten gestellt. Diese Fachärzte kennen sich mit chronischen Schmerzerkrankungen aus und wissen, worauf sie achten müssen.
Dein Hausarzt kann dich an einen Spezialisten überweisen, wenn der Verdacht auf Fibromyalgie besteht. Manche Hausärzte stellen die Diagnose auch selbst, wenn sie mit Fibromyalgie vertraut sind.
Untersuchungen und Tests
Um andere Erkrankungen auszuschließen, werden in der Regel folgende Untersuchungen durchgeführt:
Blutuntersuchung: Kontrolle von Entzündungswerten (CRP, BSG), Rheumafaktoren, Schilddrüsenwerten (TSH), Vitamin-D-Spiegel und manchmal weiteren Laborwerten. Bei Fibromyalgie sind diese Werte typischerweise unauffällig.
Bildgebung: MRT oder Röntgen können durchgeführt werden, um strukturelle Veränderungen an Gelenken oder Wirbelsäule auszuschließen. Auch hier zeigen sich bei Fibromyalgie in der Regel keine Auffälligkeiten.
Körperliche Untersuchung: Der Arzt prüft die Beweglichkeit der Gelenke und tastet die sogenannten Tender Points ab – also die schmerzhaften Druckpunkte, die für Fibromyalgie typisch sind.
Der Moment der Diagnose
Wenn du diese Diagnose bekommst – oder gerade bekommen hast – können ganz unterschiedliche Gefühle hochkommen.
Vielleicht empfindest du vor allem Erleichterung. Endlich hat das, was du erlebst, einen Namen. Endlich nimmt dich jemand ernst. Endlich musst du nicht mehr zweifeln, ob du dir alles einbildest.
Vielleicht kommt aber auch Angst hoch. „Was bedeutet das jetzt für mich? Kann ich wieder gesund werden? Wie geht es weiter? Was, wenn ich das mein Leben lang habe?“
Vielleicht spürst du auch Wut. Warum hat es so lange gedauert? Warum hat mir niemand früher geglaubt?
All diese Gefühle sind berechtigt. Lass sie zu.
Und jetzt möchte ich dir etwas Wichtiges sagen: Fibromyalgie ist behandelbar. Es gibt keine „Heilung“ im klassischen Sinne – aber es gibt viele Möglichkeiten, die Symptome deutlich zu lindern und deine Lebensqualität erheblich zu verbessern.
Ich habe es in über 12 Jahren Arbeit immer wieder erlebt: Frauen, die zu mir kamen und kaum noch aus dem Haus gehen konnten – und nach einigen Monaten wieder am Leben teilnehmen. Nicht über Nacht. Nicht durch ein Wundermittel. Aber Schritt für Schritt, mit dem richtigen Ansatz.
Du bist nicht machtlos. Es gibt Wege. Und ich zeige dir jetzt, welche.
Behandlungsmöglichkeiten bei Fibromyalgie
Die gute Nachricht: Auch wenn Fibromyalgie nicht heilbar ist, gibt es wirksame Behandlungsansätze. Die besten Erfolge zeigen multimodale Therapien – also ein Zusammenspiel aus verschiedenen Methoden.
Medikamentöse Therapie
Medikamente können bei Fibromyalgie helfen, die Symptome zu lindern. Aber – und das ist wichtig zu wissen – die Wirkung ist oft begrenzt. Das sagt nicht nur meine Erfahrung, sondern auch die aktuelle Forschung.
Eine große Übersichtsarbeit über Cochrane-Studien aus dem Jahr 2025 hat sich alle wichtigen Medikamentenstudien zu Fibromyalgie angeschaut (Moore et al., 2025). Das Ergebnis: Die Wirksamkeit von Medikamenten ist generell limitiert.
Was die Zahlen zeigen:
Selbst die am besten untersuchten Medikamente – wie Duloxetin, Milnacipran oder Pregabalin – helfen nur etwa einem von zehn Patienten wirklich gut. Das heißt: Nur etwa 10 Prozent der Betroffenen erreichen eine Schmerzreduktion von 50 Prozent oder mehr.
Die Wirkung tritt meist nur kurzfristig ein – in Studien von 4 bis 12 Wochen. Ob Medikamente auch langfristig helfen (über 6 Monate hinaus), ist wissenschaftlich nicht belegt. Darüber hinaus gibt es schlichtweg keine ausreichenden Studien.
Was bedeutet das für dich?
Das heißt nicht, dass Medikamente grundsätzlich schlecht sind. Für manche Menschen sind sie ein wichtiger Baustein – besonders in akuten Phasen oder wenn die Symptome sehr stark sind. Aber Medikamente allein lösen das Problem nicht.
Welche Medikamente werden eingesetzt?
Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin oder Duloxetin werden häufig bei Fibromyalgie eingesetzt. Sie beeinflussen Botenstoffe im Nervensystem und können sowohl die Schmerzwahrnehmung als auch die Stimmung verbessern (Häuser et al., 2012). Wichtig: Diese Medikamente werden hier nicht wegen einer Depression verschrieben, sondern wegen ihrer schmerzlindernden Wirkung.
Antiepileptika: Medikamente wie Pregabalin, die eigentlich gegen Epilepsie entwickelt wurden, können ebenfalls die überreizte Schmerzverarbeitung dämpfen.
Klassische Schmerzmittel: Herkömmliche Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol wirken bei Fibromyalgie meist nicht gut, da keine Entzündung vorliegt. Auch starke Opioide werden nicht empfohlen – sie haben ein hohes Abhängigkeitsrisiko und wenig Nutzen bei Fibromyalgie (Macfarlane et al., 2017).
Warum Medikamente oft nicht ausreichen
Fibromyalgie ist ein komplexes Geschehen, bei dem Körper, Nervensystem und Lebensumstände zusammenspielen. Eine rein medikamentöse Behandlung greift oft zu kurz. Deshalb setzen die aktuellen Leitlinien auf einen anderen Schwerpunkt: nicht-medikamentöse Therapien – also Bewegung, Psychotherapie und körperorientierte Ansätze. Hier liegt die größte Chance für langfristige Verbesserung.
Bewegungstherapie
Bewegung ist eine der wirksamsten Behandlungen bei Fibromyalgie – das zeigen zahlreiche Studien (Bidonde et al., 2017). Aber: Die Bewegung muss richtig dosiert sein.
Zu viel Bewegung führt zu einer Verschlechterung der Symptome, zu wenig hält die Schmerzspirale aufrecht. Das richtige Maß zu finden, ist oft eine Herausforderung – aber es lohnt sich.
Geeignete Bewegungsformen sind:
Ausdauersport mit niedriger Intensität: Spazierengehen, Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren. Wichtig ist, dass du dich dabei noch unterhalten könntest – nicht bis zur völligen Erschöpfung gehen.
Sanfte Bewegungsformen: Yoga, Tai Chi, Qigong. Diese Methoden verbinden Bewegung mit Achtsamkeit und haben nachweislich positive Effekte auf Schmerz und Wohlbefinden (Wang et al., 2018).
Krafttraining: Auch leichtes Krafttraining kann helfen, wenn es behutsam aufgebaut wird.
Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie und Achtsamkeit
Chronische Schmerzen belasten die Psyche – und psychische Belastungen verstärken Schmerzen. Hier setzt die Psychotherapie an.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Die Kognitive Verhaltenstherapie ist eine der am besten untersuchten psychotherapeutischen Methoden bei Fibromyalgie. Eine große Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2018, die 29 Studien mit über 2.500 Teilnehmern analysierte, zeigte: KVT ist den Kontrollgruppen langfristig (über 6 Monate hinaus) deutlich überlegen – sowohl bei der Schmerzlinderung als auch bei der Verbesserung der Lebensqualität, der Reduktion von Depression und Fatigue (Bernardy et al., 2013).
Wie funktioniert das konkret?
Der Schlüsselmechanismus der KVT ist die Reduktion der sogenannten Schmerzkatastrophisierung. Das bedeutet: Du lernst, aus dem Teufelskreis negativer Gedanken auszusteigen.
Kennst du diese Gedanken? „Es wird immer schlimmer.“ „Ich werde nie wieder normal leben können.“ „Ich halte das nicht mehr aus.“ „Niemand versteht, wie schlimm das ist.“
Diese Gedanken sind verständlich – aber sie verstärken die Schmerzen massiv. Forschung mit MRT-Bildgebung konnte sogar sichtbar machen, wie KVT Patientinnen hilft, schmerzbezogene Ängste und negative kognitive Schemata abzubauen – und dadurch die Schmerzverarbeitung im Gehirn positiv zu beeinflussen.
KVT hilft dir:
- Schmerzfördernde Gedankenmuster zu erkennen
- Realistischere Bewertungen zu entwickeln
- Besser mit Schmerz und Belastung umzugehen
- Die Angst vor dem Schmerz zu reduzieren
Achtsamkeitsbasierte Ansätze
Achtsamkeit (Mindfulness) ist ein weiterer sehr wirksamer Ansatz bei Fibromyalgie. Achtsamkeit bedeutet: Du lernst, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, ohne zu bewerten.
Das klingt einfach, ist aber eine kraftvolle Methode. Studien zeigen, dass Achtsamkeitsübungen bei Menschen mit Fibromyalgie besonders gut wirken – sogar besser als bei anderen chronischen Schmerzerkrankungen (Vago & Nakamura, 2018).
Was bringt Achtsamkeit konkret?
Achtsamkeit verbessert zuverlässig psychologische Belastungen wie Angst, Depression, Katastrophisierung und Stress. Eine aktuelle Studie aus 2025 zeigte, dass die Reduktion des wahrgenommenen Stresses bei FMS-Patienten durch Achtsamkeit signifikant stärker war als bei anderen chronischen Schmerzgruppen (Zangi et al., 2012).
Der therapeutische Wert liegt darin, die hypervigilante, ängstliche Überwachung deines Körpers zu unterbrechen. Anstatt ständig zu scannen („Wo tut es weh? Wird es schlimmer?“), lernst du, Körperempfindungen neutral wahrzunehmen – ohne sie sofort zu bewerten oder zu fürchten.
Achtsamkeit hilft dir:
- Die ängstliche Körperbeobachtung zu durchbrechen
- Schmerz wahrzunehmen, ohne dich davon überwältigen zu lassen
- Akzeptanz zu entwickeln (was nicht „Aufgeben“ bedeutet, sondern „Annehmen, was gerade ist“)
- Stress zu reduzieren
- Die Schlafqualität zu verbessern
Psychosomatische Physiotherapie: Körper und Nervensystem neu verstehen lernen
Psychosomatische Physiotherapie ist ein spezialisierter Ansatz, der Körpertherapie mit psychosomatischem Verständnis verbindet. Es geht darum, die Verbindung zwischen Körper, Nervensystem und Lebenssituation zu verstehen und zu verändern.
Dieser Ansatz hat eine wissenschaftliche Grundlage: Forschung zeigt, dass Menschen mit Fibromyalgie eine sogenannte „gestörte Verkörperung“ (Disturbed Embodiment) erleben (Martínez et al., 2018). Das bedeutet:
Dein Körperschema ist instabil geworden. Das Gehirn hat Schwierigkeiten, ein klares, stabiles Bild deines Körpers aufrechtzuerhalten. Du spürst deinen Körper vielleicht als „fremd“ oder hast Schwierigkeiten, zu fühlen, wo deine Grenzen sind.
Du bist unzufrieden mit deinem Körper. Menschen mit Fibromyalgie haben nachweislich ein niedrigeres „Body Esteem“ – also eine negativere Bewertung ihres eigenen Körpers. Das ist nicht oberflächliche Unzufriedenheit, sondern eine tiefe Entfremdung vom eigenen Körper.
Dein Körper steht unter ständiger Beobachtung. Das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Bei Fibromyalgie ist die sogenannte „interozeptive Wachsamkeit“ massiv erhöht. Das bedeutet, du beobachtest ständig, was in deinem Körper passiert – ängstlich, überwachsam. Und diese erhöhte Wachsamkeit korreliert sehr stark mit der Schmerzintensität: Je mehr du deinen Körper beobachtest, desto stärker sind die Schmerzen (Korrelation r=.75 – das ist wissenschaftlich sehr hoch!).
Was bedeutet das für die Behandlung?
Wenn dein Körperschema instabil ist, deine Körperwahrnehmung verzerrt ist und du deinen Körper ständig ängstlich überwachst – dann hilft es nicht, einfach nur „Entspann dich“ zu sagen oder Schmerzen wegzutrainieren.
Es braucht einen Ansatz, der genau hier ansetzt: bei der Art, wie du deinen Körper wahrnimmst und mit ihm in Beziehung stehst.
In meiner Arbeit mit Menschen mit Fibromyalgie schaue ich auf mehrere Ebenen:
Körperwahrnehmung neu entwickeln: Viele Betroffene haben verlernt, neutral auf ihren Körper zu hören – entweder ignorieren sie ihn völlig, oder sie hören nur noch die Alarmsignale. Wir üben gemeinsam, wieder ein differenziertes Gespür zu entwickeln: Wo ist Anspannung? Wo ist Entspannung möglich? Was tut gut? Und – ganz wichtig – wir lernen, den Körper zu beobachten, ohne ihn zu bewerten oder zu fürchten.
Die ängstliche Überwachung unterbrechen: Wenn du deinen Körper ständig ängstlich beobachtest („Wird es schlimmer? Was bedeutet das? Was passiert als nächstes?“), verstärkt das die Schmerzen. Wir arbeiten daran, diese hypervigilante Beobachtung zu durchbrechen und eine neutralere, akzeptierende Haltung zu entwickeln.
Schmerzedukation: Wenn du verstehst, wie Schmerzen im Nervensystem entstehen und warum sie bleiben können, verändert das oft schon etwas. Schmerz ist nicht immer ein Warnsignal für Schädigung – manchmal ist er ein „Fehlalarm“ des Nervensystems. Dieses Verständnis nimmt Angst und öffnet neue Wege.
Bewegung als Medizin: Wir finden gemeinsam heraus, welche Bewegung in welcher Dosierung für dich passt. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Bewegung hilft, das Körperschema zu stabilisieren und dem Nervensystem zu zeigen: „Bewegung ist sicher.“
Stressbewältigung: Stress verschlimmert Fibromyalgie-Symptome massiv. Wir erarbeiten konkrete Strategien, wie du im Alltag besser mit Belastungen umgehen kannst, ohne dich ständig zu überfordern.
Therapie im Therapie-Wald: Ein großer Teil meiner Arbeit findet draußen statt – im Therapie-Wald bei Freirachdorf. Warum? Weil die Natur etwas mit deinem Nervensystem macht, was kein Therapieraum kann. Sie wirkt regulierend, senkt nachweislich Stresshormone (Park et al., 2010) und hilft dir, wieder in einen positiven, entspannten Kontakt mit deinem Körper zu kommen – ohne diese ständige ängstliche Überwachung, die deine Schmerzen verstärkt.
Dieser Ansatz basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und ist gleichzeitig individuell auf dich zugeschnitten. Keine Schema-F-Therapie, sondern ein Weg, der zu dir und deinem Körper passt.
Weitere Behandlungsansätze
Es gibt noch weitere Methoden, die unterstützend wirken können:
Wärmetherapie: Warme Bäder, Wärmepackungen oder Sauna können die Muskeln entspannen und Schmerzen kurzfristig lindern.
Massagen: Können kurzfristig Verspannungen lösen, sollten aber Teil eines Gesamtkonzepts sein.
Akupunktur: Einige Studien zeigen positive Effekte auf Schmerz und Lebensqualität (Deare et al., 2013).
Ernährung: Eine entzündungshemmende Ernährung mit viel Gemüse, Omega-3-Fettsäuren und wenig Zucker kann unterstützend wirken.
Leben mit Fibromyalgie: Praktische Tipps für den Alltag
Neben der Therapie gibt es viele Dinge, die du selbst im Alltag tun kannst, um besser mit Fibromyalgie zu leben.
Pacing: Energie richtig einteilen
„Pacing“ bedeutet: Deine Energie bewusst einteilen, anstatt dich zu überfordern. Viele Betroffene neigen dazu, an „guten Tagen“ alles nachzuholen, was liegen geblieben ist – und zahlen am nächsten Tag mit einem Schub den Preis dafür.
Besser: Auch an guten Tagen Maß halten. Pausen einplanen. Aufgaben aufteilen. Nicht alles auf einmal wollen.
Schlafhygiene verbessern
Guter Schlaf ist bei Fibromyalgie besonders wichtig – auch wenn er schwer erreichbar ist. Was helfen kann:
Feste Schlafenszeiten einhalten, auch am Wochenende. Das Schlafzimmer kühl, dunkel und ruhig halten. Vor dem Schlafengehen keine Bildschirme (Handy, Laptop) – das blaue Licht stört die Melatoninproduktion. Entspannungsrituale am Abend etablieren.
Stress reduzieren
Stress verschlimmert alle Fibromyalgie-Symptome. Überlege dir: Was stresst dich? Und was kannst du realistisch verändern?
Manchmal sind es äußere Faktoren (zu viele Verpflichtungen, ungelöste Konflikte). Manchmal sind es innere Faktoren (hohe Ansprüche an dich selbst, Perfektionismus).
Achtsamkeitsübungen, Atemtechniken oder progressive Muskelentspannung können helfen, das Nervensystem zu beruhigen.
Soziale Unterstützung
Chronische Schmerzen können isolieren. Du ziehst dich vielleicht zurück, weil du keine Kraft für soziale Kontakte hast – oder weil du fürchtest, andere zu belasten.
Aber: Soziale Unterstützung ist wichtig für dein Wohlbefinden. Such dir Menschen, die dich verstehen. Das können Freunde oder Familie sein – oder eine Selbsthilfegruppe, in der du mit anderen Betroffenen sprechen kannst.
Selbstfürsorge ernst nehmen
Viele Menschen mit Fibromyalgie – besonders Frauen – neigen dazu, sich um alle anderen zu kümmern, nur nicht um sich selbst. Du musst nicht immer funktionieren. Du musst nicht perfekt sein. Du darfst auch mal Nein sagen.
Selbstfürsorge ist keine Egoismus. Es ist eine Notwendigkeit.
Fazit: Fibromyalgie ist real, messbar – und behandelbar
Wenn du bis hierhin gelesen hast, weißt du jetzt: Fibromyalgie ist eine komplexe Erkrankung mit realen, körperlichen Ursachen. Die Schmerzen entstehen nicht „im Kopf“, sondern durch eine veränderte Schmerzverarbeitung im Nervensystem – und bei vielen Betroffenen auch durch eine messbare Beteiligung des Immunsystems.
Die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst:
Fibromyalgie ist real und messbar. Die neue Forschung aus 2025 zeigt: Bei über 35 Prozent der Betroffenen lassen sich Autoantikörper nachweisen. Deine Schmerzen sind nicht eingebildet – sie haben eine körperliche Grundlage.
Die Diagnose erfolgt anhand klinischer Kriterien. Es gibt klare diagnostische Richtlinien. Auch wenn der Weg zur Diagnose oft lang ist – wenn die Symptome passen und andere Erkrankungen ausgeschlossen wurden, gibt es eine Erklärung für dein Leiden.
Medikamente allein reichen meist nicht. Die Wirksamkeit von Medikamenten ist begrenzt (nur etwa 1 von 10 Patienten spricht gut an) und meist nur kurzfristig. Deshalb ist ein umfassenderer Ansatz so wichtig.
Die wirksamste Behandlung ist multimodal. Eine Kombination aus Bewegung, Psychotherapie (besonders KVT und Achtsamkeit), und körperorientierten Ansätzen wie psychosomatischer Physiotherapie zeigt die besten Ergebnisse.
Du bist deiner Erkrankung nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt viele Dinge, die du selbst tun kannst. Und es gibt professionelle Unterstützung, die wirklich hilft – wenn sie an den richtigen Stellen ansetzt: bei der gestörten Körperwahrnehmung, der ängstlichen Überwachung, der Schmerzverarbeitung und deinem Umgang mit Stress und Belastung.
Die Forschung macht Fortschritte. Die Entdeckung der Autoantikörper ist erst der Anfang. In den nächsten Jahren werden wahrscheinlich neue, zielgerichtete Behandlungen entwickelt. Es gibt Grund zur Hoffnung.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst und das Gefühl hast: „Ja, genau so geht es mir“ – dann möchte ich dich einladen, mit mir zu sprechen.
Ich arbeite anders als viele klassische Physiotherapeuten. Ich schaue nicht nur auf die Stelle, die wehtut. Ich schaue auf dich als ganzen Menschen – auf deinen Körper, dein Nervensystem, deine Lebenssituation. Ich nehme mir Zeit. Ich höre dir zu. Und ich glaube dir.
Viele meiner Patientinnen sagen mir beim ersten Treffen: „Es tut so gut, dass mir endlich jemand wirklich zuhört.“ Das ist schon der erste Schritt.
Wir arbeiten dann gemeinsam daran, dass du wieder mehr Lebensqualität zurückgewinnst. Im Therapie-Wald, in der Praxis in Mogendorf oder – wenn du nicht reisen kannst – bei dir zu Hause. In deinem Tempo. Mit dem, was für dich passt.
Ich kann dir nicht versprechen, dass alle Schmerzen verschwinden werden. Das wäre nicht ehrlich. Aber ich kann dir versprechen, dass ich alles tue, um dir zu helfen, besser damit zu leben. Dass ich dich begleite auf diesem Weg. Und dass du nicht mehr alleine kämpfen musst.
Ruf mich gerne an oder schreib mir eine Nachricht. Wir schauen gemeinsam, wie ich dich unterstützen kann. Manchmal hilft schon ein erstes Gespräch, um wieder Hoffnung zu schöpfen.
Du hast es verdient, dass es dir besser geht. Und ich bin hier, um dich dabei zu begleiten.
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Über die Autorin:
Ida Hameete ist Physiotherapeutin mit über 12 Jahren Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen und funktionellen Körperbeschwerden. Sie hat sich auf psychosomatische Physiotherapie spezialisiert und arbeitet nach dem biopsychosozialen Modell. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Therapie im Therapie-Wald – bei Freirachdorf im Westerwald.
Kontakt:
Praxis für psychosomatische Physiotherapie
Ida Hameete
Freirachdorf, Westerwald
Telefon: 0155 65305535
E-Mail: idahameete@psyphysio.de
Web: https://psychosomatische-physiotherapie.de
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf Fibromyalgie oder anhaltenden Beschwerden suche bitte einen Arzt auf.